Einkommensabhängige Kredite: Das faire(re) Finanzierungssystem.

Der australische Ökonom Bruce Chapman hat ein Finanzierungssystem für Student*innen erfunden, das auch auf andere Lebensbereiche übertragbar ist. Er sagt: „Einkommensabhängige Kredite fördern den sozialen Frieden, kompensieren die Nachteile der Abwanderung qualifizierter Mitarbeiter aus Schwellenländern – und schützen manchmal sogar die Umwelt.“

Professor Chapman, in Australien gibt es Studiengebühren – aber keine Student*in muss Angst davor haben, sich zu verschulden. Wie funktioniert das?

Bruce Chapman: Da gibt es zwei entscheidende Faktoren. Erstens: Student*innen brauchen kein Geld im Voraus bezahlen, sondern erst nach dem Studium, durch das Higher Education Contribution Scheme, kurz HECS. Zweitens: Die Rückzahlung sieht keine festen Raten und keinen festen Zeitrahmen vor, sondern ist an das Einkommen gekoppelt. Dieses System nennt sich „income-contingent loan“ (ICL). Die Empfänger*innen beginnen erst mit der Rückzahlung, sobald sie etwas mehr als 45.000 australische Dollar pro Jahr verdienen. Die Höhe der Raten variiert, abhängig vom jeweiligen Einkommen. Fallen sie irgendwann wieder unter diese Grenze, entfällt auch die Rückzahlungspflicht für diesen Zeitraum. Das bedeutet: Niemand muss Zahlungen leisten, die er oder sie nicht bewältigen kann.

Das Konzept unterscheidet sich grundlegend von üblichen Finanzierungen…

Ja, denn in den meisten Staaten, die Studiengebühren erheben, gibt es feste Vorgaben für die Rückzahlung. Das ist ein enormes Risiko: Studenten verpflichten sich zu einer Zahlung in der Zukunft, ohne zu wissen, ob sie diese überhaupt leisten können. Die künftigen Verhältnisse werden gar nicht berücksichtigt. Nehmen Sie die USA: Dort müssen Studenten sehr schnell nach dem Abschluss ihres Studiums mit der Rückzahlung beginnen. Als 2008 die Finanzkrise ausbrach, gab es Hunderttausende Absolventen, die neun bis zwölf Monate brauchten, um eine Stelle zu finden.

Einkommensabhängige Kredite: Studenten sitzen in der Bibliothek vor Computern.
Einkommensabhängige Darlehen ermöglichen Studenten einen sorgenfreien Start ins Berufsleben.

Welche Auswirkungen hat es auf einen Staat oder eine Gesellschaft, wenn junge Menschen so ins Berufsleben starten?

Das lässt sich schlecht in Zahlen fassen. Aber es hat natürlich Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens. Wenn Sie Ihre Schulden nicht abbezahlen können, sinkt Ihre Bonität. Dann erhalten Sie auch keinen anderen Kredit, können nichts auf Raten kaufen, kein Haus finanzieren und so weiter. In Thailand gelten Zahlungsausfälle sogar als Straftat; viele frühere Studenten stehen darum vor Gericht. Ein Rückzahlungssystem, das an die künftigen Einkommensverhältnisse gekoppelt ist, schützt die Menschen vor solchen unangenehmen Konsequenzen. Ein weiterer Vorteil: Wandern Absolventen in reichere Länder aus, würden sie ihre Studiengebühren von dort aus zahlen und das Geld würde in ihre Heimatländer transferiert. Man nennt das eine „Brain Drain“-Steuer. Noch gibt es dieses Modell nicht, aber mit ICL wäre es machbar.

Lässt sich das System HECS auch auf andere Lebensbereiche übertragen?

Definitiv. Und dazu gibt es zahlreiche Fallstudien. Ein gutes Beispiel ist für mich der Mutterschutz. In Australien erhalten Frauen nach der Geburt eines Kindes rund 20 Wochen lang staatliche Leistungen. Auch hier würde eine Rückzahlung, die vom künftigen Einkommen der Eltern abhängt, ermöglichen, deutlich länger vom Job zu pausieren. Eine andere Möglichkeit für Australien wäre die Finanzierung umweltfreundlicher Energie. Im Moment kaufen sich nur Menschen Sonnenkollektoren, die ausreichend Geld besitzen. Aber der Staat könnte mit einer einkommensabhängigen Förderung ermöglichen, dass auch ärmere Menschen dazu in der Lage sind…

Einkommensabhängige Kredite: Eine Mutter sitzt mit ihrem Baby zuhause vor dem Computer.
Das Modell einkommensabhängiger Kredite ließe sich laut Bruce Chapman auch auf andere Lebensbereiche als das Studium übertragen. Ein Beispiel ist der Mutterschutz.

… in diesem Fall hätte eine einkommensabhängige Finanzierung also sogar positive Auswirkungen auf den Umweltschutz.

Ganz eindeutig. Hinzu kommt: Wer die Sonnenkollektoren erst einmal angeschafft hat, kann dadurch seine Energiekosten senken. Ausgerechnet die Menschen, die weniger Geld haben, können dies nicht und zahlen mehr für ihre Energie. Damit verfestigt sich die Situation.

Einkommensabhängige Finanzierungen würden also auch verhindern, dass die Schere zwischen arm und reich auseinandergeht?

Das ist eine große Frage. Sicher ist, das ICLs fair sind und armen Menschen helfen. In Australien gab es Umfragen dazu, und die überwiegende Mehrheit sagt: Das ist einfach gerecht. Übrigens hat der deutsche Bildungsökonom Ludger Wößmann dazu eine interessante Studie durchgeführt. In Deutschland wird die Ausbildung an Hochschulen vom Staat, also der Allgemeinheit, finanziert – obwohl der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht studiert. Wößmann stellte darum in einer Studie die Frage, ob man Studiengebühren einführen sollte. Die meisten waren dagegen. Dann stellte er eine weitere Frage: Wie wäre es, wenn man die Gebühren erst zurückzahlen muss, wenn man genug verdient? Diesmal war die Mehrheit dafür.

In Deutschland wird die Ausbildung an Hochschulen vom Staat, also der Allgemeinheit, finanziert – obwohl der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht studiert. Bruce Chapman, australischer Ökonom und Erfinder des Higher Education Contribution Scheme (HECS).

Aber wären solche Systeme auch flächendeckend finanzierbar? Es würde ja eine Menge Bürokratie mit sich bringen?

Diese Frage kam sofort auf, als wir HECS einführten. Und es hat sich herausgestellt, dass dies einfach nicht stimmt. ICLs lassen sich sehr effizient verwalten. Es gibt ja ohnehin schon viele einkommensabhängige Beiträge, die Arbeitgeber abführen müssen, etwa die Einkommensteuer, und in Deutschland ebenso wie in Australien für die gesetzliche Krankenversicherung. Der zusätzliche Aufwand liegt im Promillebereich.

Einkommensabhängige Kredite: Bruce Chapman, australischer Ökonom und Erfinder des Higher Education Contribution Scheme, kurz HECS.

Bruce Chapman

Bruce Chapman ist Ökonom und Professor am College of Business and Economics an der Australian National University in Canberra. Chapmans Forschungsschwerpunkt liegt auf Arbeitsmärkten und Sozialpolitik. Er ist der Architekt des „Higher Education Contribution Scheme“ (HECS), das seit 1989 australischen Student*innen das Studium ermöglicht, und war Berater der australischen Regierung.

Photo credits: pixdeluxe / Getty Images, PeopleImages / Getty Images, Klaus Vedfelt / Getty Images

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